Manifest

Bearbeitet: 2. März 2026

Die Living Library wurde als transdisziplinäres Experiment ins Leben gerufen, um zu erforschen, wie Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in konkrete Praktiken der Gestaltung, des Lernens und des Wissensaustauschs umgesetzt werden können. Von Anfang an war sie nicht nur als Sammlung von Materialien konzipiert, sondern als sich entwickelndes Ökosystem, in dem Zyklen des Wachstums und des Vergehens integraler Bestandteil des Prozesses sind. Doch wie lassen sich solche Prinzipien integrieren, und wo überhaupt beginnen? Die Einrichtung einer Materialbibliothek im herkömmlichen Sinne – mit umfangreichen Kategorisierungssystemen und Materialklassen – erwies sich schnell als unproduktiv. Dies lag nicht nur daran, dass die Einrichtung einer solchen Plattform immens ressourcen- und zeitaufwändig ist und den relativ kurzen Projektzeitraum von zwei Jahren überschreitet, sondern auch daran, dass es bereits zahlreiche sehr detaillierte und fundierte Materialbibliotheken gibt, sowohl online als auch offline. Warum also das Rad aus reinem Innovationsdruck noch einmal neu erfinden?

Anstatt eine »konventionelle« Materialbibliothek zu schaffen, konzentrierte sich das Projekt auf temporäre Zyklen und die Situiertheit von Materialien. Doch selbst hier schien der schiere Umfang der Aufgabe überwältigend. Welche Materialien sollten ausgewählt werden und nach welchen Kriterien? In welchem Zustand sollten sie erscheinen: als Rohstoffe, Halbzeug oder fertige Artefakte? Um innerhalb dieses experimentellen Rahmens Orientierung zu bieten, wurde schließlich ein Manifest formuliert. Anstatt einen starren Rahmen vorzugeben, definierte es weiche Leitlinien, die den Umfang, die Methoden und die laufenden Ergebnisse und Diskurse der Living Library prägten. Das Manifest besteht somit aus drei einfachen, aber weitreichenden Regeln, die in den folgenden Kapiteln ausführlich erläutert werden:

Regel 1: Alles muss zu Kompost werden

Alle in der Living Library verwendeten oder hergestellten Materialien müssen vollständig biologisch abbaubar sein und sich auf natürliche Weise in organische Substanz zersetzen können, um zur Verbesserung des Boden beizutragen, ohne schädliche Rückstände zu hinterlassen.

Regel 2: Alles muss lokal beschafft werden

Alle in der Living Library verwendeten Materialien müssen innerhalb eines Radius von 50 Kilometern um das Bio Design Lab der HfG Karlsruhe angebaut, geerntet oder hergestellt werden. Dies unterstützt lokale Ökosysteme, reduziert Transport-Emissionen und stärkt die Nachhaltigkeit der Gemeinschaft.

Regel 3: Alles muss nachhaltig und unbedenklich für die Umwelt sein

Alle Materialien und Prozesse müssen der langfristigen ökologischen Bilanz Vorrang einräumen. Das bedeutet, die Auswirkungen auf die Umwelt zu minimieren, Ressourcen effizient zu nutzen und sicherzustellen, dass die Materialien aus erneuerbaren und natürlichen Quellen stammen, wobei der Schwerpunkt auf Regeneration liegt.

Zusammen bildeten diese Regeln den Rahmen für die Living Library, die mehr als nur ein Archiv ist: Sie definierten sie als epistemisches Werkzeug, das durch Praxis Wissen generiert und erprobt. Sie erforderten eine ständige Reflexion über die Konsequenzen der Materialauswahl und führten zu Einschränkungen, die neue kreative Richtungen eröffneten.

Die Kompostregel beispielsweise schränkte nicht nur die Auswahl der Materialien ein – indem sie alle nicht kompostierbaren Optionen ausschloss –, sondern führte auch eine zeitliche Dimension in die Gestaltung ein. Anstelle des Strebens nach Dauerhaftigkeit rückten Aspekte wie Zeitlichkeit und Transformation in den Fokus, wobei der »Verfall« selbst zu einer aktiven und sichtbaren Lernphase wurde. Die Lokalitätsregel förderte unerwartete Kooperationen, da der 50-Kilometer-Radius einen direkten Austausch mit Forstbetrieben, landwirtschaftlichen Betrieben, Handwerksbetrieben und kleinen Industriebetrieben in der Region erforderlich machte. Dies führte zu situativem Wissen über bestehende Materialkulturen – wie Schafwollnetzwerke, Hanfverarbeitung oder Forstwirtschaftspraktiken – und brachte das implizite Fachwissen lokaler Akteur:innen an die Oberfläche. Die Nachhaltigkeitsregel fügte eine weitere Ebene der kritischen Bewertung hinzu. Jedes Material, jeder Prozess und jede Technik wurden nicht nur hinsichtlich ihrer funktionalen oder ästhetischen Eigenschaften bewertet, sondern auch hinsichtlich ihrer ökologischen Auswirkungen. War es überhaupt sinnvoll, mit einem bestimmten Material zu arbeiten? Und welche Wertschöpfungsketten und Systeme gab es bereits, die in der Gestaltung berücksichtigt werden mussten?

Es wurde deutlich, dass die Arbeit mit solchen selbst auferlegten Regeln keineswegs einfach ist. Kompostierungsprozesse lassen sich nicht immer kontrollieren oder vorhersagen. Die strikte Einhaltung eines Aktionsradius von 50 Kilometern erscheint in einer Welt hochgradig vernetzter, globaler Lieferketten fast unmöglich. Letztendlich sind solche Regeln immer (zum Teil) künstlich und daher Gegenstand ständiger Verhandlungen und Diskussionen. Sie können dazu beitragen, kreative Wege zu finden, um mit unbequemen Bedingungen umzugehen. Sie können auch die Fähigkeit fördern, Unklarheiten und sogar Widersprüche zu ertragen. Das Manifest der Living Library ist daher kein universelles Rezept, sondern ein situativer Rahmen, der aus spezifischen Kontexten der Praxis, Pädagogik und Ökologie hervorgegangen ist. Seine drei Regeln prägten das Projekt sowohl konkret als auch konzeptionell – sie leiteten die Materialauswahl, strukturierten Kooperationen und regten zum Nachdenken darüber an, was es bedeutet, verantwortungsbewusst zu gestalten.

Das Manifest war mehr als nur eine Reihe von Richtlinien, es wurde zu einem Instrument der Untersuchung – getestet, verhandelt und im Laufe des Projekts kontinuierlich neu definiert. Sein bleibender Wert liegt nicht in der strikten Einhaltung, sondern in den Gesprächen, Experimenten und Erkenntnissen, die es ermöglicht hat.

04:17 an der HfG Karlsruhe, 49°00'08.5"N 8°23'00.4"E