Die Living Library wurde als transdisziplinäres Experiment ins Leben gerufen, um zu untersuchen, wie Prinzipien der Zirkularität in konkrete Praktiken des Designs, des Lernens und des Wissensaustauschs umgesetzt werden können. Von Anfang an wurde sie nicht nur als Sammlung von Materialien konzipiert, sondern auch als ein sich entwickelndes Ökosystem, in dem Zyklen des Wachstums und des Verfalls integraler Bestandteil des Prozesses bilden. Doch wie lassen sich solche Prinzipien integrieren, und wo soll man überhaupt anfangen? Die Einrichtung einer Materialbibliothek im herkömmlichen Sinne – mit umfangreichen Kategorisierungssystemen und Materialklassen – erwies sich schnell als unproduktiv. Dies lag nicht nur daran, dass die Einrichtung einer solchen Plattform immens Ressourcen- und zeitaufwändig gewesen wäre und den relativ kurzen Projektzeitraum von zwei Jahren überschritten hätte, sondern auch daran, dass es bereits zahlreiche sehr detaillierte und fundierte Materialbibliotheken gab, sowohl online als auch offline. Warum also das Rad aus reinem Innovationsdruck noch einmal neu erfinden?
Anstatt eine „konventionelle” Materialbibliothek zu schaffen, konzentrierte sich das Projekt auf temporäre Zyklen und die Situiertheit von Materialien. Doch selbst hier schien der schiere Umfang der Aufgabe überwältigend. Welche Materialien sollten ausgewählt werden und nach welchen Kriterien? In welchem Zustand sollten sie erscheinen: als Rohstoffe, Halbfertigprodukte oder fertige Artefakte? Um innerhalb dieses experimentellen Rahmens Orientierung zu bieten, formulierte das Projektteam schließlich ein Manifest. Anstatt einen starren Rahmen vorzugeben, definierte es grobe Richtlinien, die den Umfang, die Methoden und die laufenden Ergebnisse und Diskurse der Living Library prägten.
Regel 1: Alles muss zu Kompost werden
Alle in der Living Library verwendeten oder hergestellten Materialien müssen vollständig biologisch abbaubar sein und sich auf natürliche Weise in organische Substanzen zersetzen lassen, um zur Bodenverbesserung beizutragen, ohne schädliche Rückstände zu hinterlassen.
Regel 2: Alles muss lokal bezogen werden
Alle in der Living Library verwendeten Materialien müssen in einem Umkreis von ~50 km um das Bio Design Lab der HfG Karlsruhe angebaut, geerntet oder produziert werden. Dies unterstützt lokale Ökosysteme, reduziert Transportemissionen und stärkt die Nachhaltigkeit der Gemeinschaft.
Regel 3: Alles muss nachhaltig und unbedenklich für die Umwelt sein
Alle Materialien und Prozesse müssen ein langfristiges ökologisches Gleichgewicht priorisieren. Das bedeutet, die Auswirkungen auf die Umwelt zu minimieren, Ressourcen effizient zu nutzen und sicherzustellen, dass die Materialien aus erneuerbaren und natürlichen Quellen stammen, wobei der Schwerpunkt auf Regeneration liegt.