Die erste Regel, »Alles muss zu Kompost werden«, definiert eines der Kernprinzipien der Living Library. Sie besagt, dass alle im Rahmen des Projekts gesammelten, geernteten und verarbeiteten Materialien vollständig durch Wurmkompostierung kompostierbar sein müssen, um sicherzustellen, dass sie nach ihrer Verwendung wieder in lokale Kreisläufe zurückgeführt werden und in die Bioregion zurückkehren können.
Über den physischen Kontext hinaus prägte diese Regel auch andere Teile des Projekts auf eher konzeptionelle Weise. Auch wenn nicht alles buchstäblich in den Komposter zurückkehren kann, beeinflusste das Afterlife-Konzept jede Entscheidung. Kompostierung wurde sowohl als praktische Methode als auch als Denkweise verstanden. Sie lud zu einer Verlagerung von der Gestaltung als Produktion hin zur Gestaltung als Teilnahme an Kreisläufen der Transformation ein.
Die Wurmkompostierung, wie sie in der Living Library untersucht wurde, zeigt, dass materielle Veränderungen sowohl biologischer als auch pädagogischer Natur sein können. Indem Würmer dazu eingeladen werden, organisches Material zu zersetzen, hebt der Prozess den Verfall als wesentlichen Bestandteil der Gestaltung hervor und reflektiert darüber, wie Materialien sich zersetzen, was am Ende des Lebenszyklus geschieht und wie zukünftige Designer:innen von der Entstehung bis zum Afterlife verantwortungsbewusster arbeiten können.
Der folgende Leitfaden setzt dieses Prinzip in die Praxis um und bietet einfache Schritte zur Erstellung und Pflege eines Wurmkomposters, während beobachtet wird, wie Abfälle zu fruchtbarem Boden werden und die Erneuerung beginnt. Um den Kompostierungsprozess im Detail zu studieren und die Würmer zu beobachten, verwendet der Kompost-Leitfaden ein Aquarium (vorzugsweise second hand).
Werkzeuge und Materialien
- Ein gebrauchtes Aquarium. Es sollte ein Volumen von 30-40 Litern aufweisen und über einen Deckel verfügen, den du anbohren kannst.
- Drei Stück Pappe oder Holzplatten. Schneide sie in den Abmessungen der Glasscheiben des Aquariums zu, um Licht abzuhalten.
- 1-2 kg Kies oder grober Sand (für Drainage und Luftzirkulation).
- Zerkleinerte Abfälle aus Papier oder Pappe.
- Einige Handvoll Kompost (um Mikroorganismen einzubringen).
- Grünes organisches Material: frische Obst- und Gemüsereste, Kaffeesatz, Teeblätter, Grasschnitt, grüne Blätter.
- Braunes organisches Material: abgestorbene Blätter, zerkleinertes Papier oder Pappe, Sägemehl.
- Zerkleinerte Eierschalen oder ein mineralischer Bodenverbesserer.
- Etwa 500 g Eisenia fetida (rote Wurmkompost-Würmer).
- Sprühflasche.
Bau des Komposters
- Wenn der Deckel des Aquariums keine Luft durchlässt, bohre 5-10 kleine Belüftungslöcher (3-5 mm) und decke die Oberfläche mit einem feinen Netz oder einem atmungsaktiven Stoff ab, um das Eindringen von Fliegen zu verhindern. Wenn der Deckel aus massivem Glas besteht, ersetze ihn durch einen Deckel aus Pappe oder Holz (Belüftungslöcher nicht vergessen!).
- Um Licht abzuhalten, decke drei der vier Glasseiten des Aquariums mit Pappe oder Holzplatten ab; eine Seite bleibt offen, um die Würmer beobachten zu können.
- Gebe 1–2 cm Kies oder groben Sand auf den Boden des Komposters, um die Drainage zu gewährleisten.
- Mische zerkleinertes Papier oder Pappe mit Kompost, um das Basis-Substrat herzustellen. Besprühe die Mischung mit Wasser, bis sie sich feucht anfühlt. Fülle damit das Aquarium zu etwa einem Drittel seiner Höhe.
- Setze anschließend die Würmer vorsichtig auf Basis-Substrat; nach einigen Minuten beginnen sie, sich einzugraben.
- Die Würmer brauchen zwei bis drei Tage Zeit, um sich zu akklimatisieren, bevor Futter hinzugefügt wird. So können sie sich an die neue Umgebung gewöhnen.
Sobald du etwas Erfahrung gesammelt hast, kannst du neben dem Basis-Substrat auch Materialien wie Papierbrei, Myzel, Wolle oder kompostierbare Biokunststoffe hinzufügen, um zu experimentieren. Alternativ kannst du ein perforiertes Stück Pappe (mit ~5 mm großen Löchern, damit die Würmer hindurchkriechen können) aufrecht in die Mitte der Box stellen, sodass zwei gleiche Teile Einstreu mit einer Trennwand dazwischen entstehen. So lässt sich das Kompostmaterial auf die eine Seite und das frische Basis-Substrat auf die andere Seite legen.
Fara arbeitet am Wurmkomposter.
© Bio Design Lab / Living Library
Die richtige Umgebung schaffen
- Bewahre den Komposter an einem dunklen Ort auf.
- Sorge für eine Temperatur zwischen 15 und 25 °C. Im Frühjahr und Herbst eignen sich Innenräume oder schattige Außenbereiche. So wird der Komposter vor Frost, Überhitzung und direkter Sonneneinstrahlung geschützt.
- Das Basis-Substrat sollte feucht bleiben, niemals trocken oder nass. Überprüfe das alle paar Tage und sprühe bei Trockenheit Wasser auf. Mische trockenen Karton unter, sollte Nässe oder unangenehmer Geruch entstehen.
- Lockere die oberen Schichten alle paar Wochen vorsichtig, um Verdichtung zu vermeiden und die Luftzirkulation zu gewährleisten. Halte den Komposter von Lärm- und Vibrationsquellen fern, da Würmer empfindlich auf Störungen reagieren.
Füttere die Würmer
- Gebe mehrmals pro Woche kleine Mengen Nahrung auf die Kompostmasse (abwechselnd zwischen grünen und braunen Abfällen). Halte dabei ein Verhältnis von zwei Teilen Lebensmittelabfällen zu einem Teil zerkleinertem Papier oder Pappe ein. Zerkleinere oder zerreiße die Nahrung, um die Zersetzung zu beschleunigen.
- Du kannst Obst- und Gemüseschalen, Kaffeesatz (nicht mehr als ein Drittel des gesamten Lebensmittelvolumens), altes Brot und verwelkte Blumen verwendet.
- Zitrusfrüchte, Zwiebeln, Knoblauch, Fleisch, Milchprodukte, gekochte Lebensmittel und glänzendes oder beschichtetes Papier solltest du besser nicht verwenden. Auch ölige, scharfe oder salzige Lebensmittel sind zu vermeiden.
- Füge nach dem Füttern eine dünne Schicht Basis-Substrat oder Einstreu hinzu.
Beobachte, welche Lebensmittel am schnellsten zerfallen und wie die Würmer reagieren. So kannst du besser nachvollziehen, was sie bevorzugen und was nicht.
Fara arbeitet am Wurmkomposter.
© Bio Design Lab / Living Library
Überwachen des Kompostierungsprozesses
- Gesunde Würmer sind aktiv und rotbraun. Sammeln sie sich an der Oberfläche oder an den Seiten, sind die Bedingungen möglicherweise zu feucht, zu sauer oder zu warm. Versuche, die Einstreu und die Art der hinzugefügten Lebensmittel anzupassen.
- Ein gesunder Komposter riecht erdig. Saure oder faulige Gerüche sind ein Zeichen für zu viel Feuchtigkeit oder Futter. Rühre in diesem Fall vorsichtig mit den Händen um und füge neues Basis-Substrat oder Einstreu hinzu.
- Um den Feuchtigkeitsgehalt zu testen, kannst du eine Handvoll Kompost entnehmen, die Würmer vorsichtig entfernen und den Kompost leicht zusammenpressen. Er sollte sich feucht anfühlen (wie ein nasser Schwamm) und nicht tropfen. Sprühe bei Trockenheit mehr Wasser dazu, bei Nässe fügst du zerkleinerte Pappe hinzu.
- Füge monatlich zerkleinerte Eierschalen oder eine Mineralmischung hinzu, um einen neutralen pH-Wert (Säuregrad) aufrechtzuerhalten.
Kompost ernten
Nach 8-12 Wochen sieht der Kompost dunkel, krümelig und erdig aus.
- Schiebe den fertigen Kompost vorsichtig auf eine Seite, während du auf der anderen Seite frisches Basis-Substrat, Einstreu und Nahrung hinzufügst, um die Würmer zum Umziehen zu animieren.
- Nach 1–2 Wochen, in denen die Würmer Zeit hatten, in das frische Basis-Substrat umzuziehen, kannst du den fertigen Kompost von Hand einsammeln; große, nicht zersetzte Stücke gelangen zurück in das frische Basis-Substrat.
Verwendung des Komposts
Den gesammelten Kompost kannst du nun im Garten einsetzen.
Für Topfpflanzen oder Anzuchtkästen solltest du den Kompost verdünnen, indem du 1 Teil Kompost mit 10 Teilen Erde vermischst. Kompost ist reich an Nährstoffen und verbessert die Bodenstruktur, während er den Bedarf an synthetischen Düngemitteln reduziert.
Jeder abgeschlossene Zyklus bestätigt das Leitprinzip der Living Library: Materialien enden nie, sie verwandeln sich. Durch die stille Arbeit der Würmer werden weggeworfene Stoffe zu fruchtbarem Boden für neues Wachstum und schließen so den Kreislauf zwischen Nutzung, Verfall und Erneuerung.
Persönliche Notiz von Fara Peluso:
Im Laufe des Kompostierungsprozesses ist es auch sinnvoll, sich mit einigen theoretischen Fragen zu beschäftigen, zum Beispiel: Wie kann Kompost als pädagogisches Mittel eingesetzt werden? Wie können Würmer zu Mentoren werden, die Erkenntnisse vermitteln, die über diese Methodik hinausgehen? Im nächsten Essay wird Kompostierung unter philosophischen und ganzheitlichen Gesichtspunkten betrachtet und die Praxis für neue Wege der Koexistenz mit Würmern als Begleiter und Lebensmentoren eröffnet.