Viele der im Projekt getroffenen Entscheidungen sind kartografischer Natur. Bei der Definition der lokalen Bioregion als Kreis ließ sich die Living Library von frühen Karten der Stadt Karlsruhe inspirieren. Der ursprüngliche Plan für die Stadt aus dem Jahr 1718 sah einen perfekten Kreis um das Karlsruher Schloss vor, mit radialen Straßen, die vom Zentrum nach außen verliefen (daher auch der Spitzname »Fächerstadt«).
Es gibt viele Ansätze zur Kartierung, die jeweils tief in kulturellen und wirtschaftlichen Traditionen verwurzelt sind. Um zu zeigen, dass Kartierung nicht durch einen einzigen Ansatz definiert werden kann, untersuchte das Lehr-Programm der Living Library zwei unterschiedliche Arten der Kartierung: Kartierung von oben und Kartierung von unten. Dieser kleine Leitfaden vermittelt einige dieser Erfahrungen und bietet praktische Schritte, um sie selbst anzuwenden.
Karte der Region um Karlsruhe aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Ausgehend vom Rhein blickt die Karte nach Osten und folgt dem Fluss Alb in Richtung Schwarzwald.
© Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XVI
1. Kartierung von oben
Dieser erste Ansatz ist am leichtesten zugänglich, da er von überall aus mit nur einem Computer und einer Internetverbindung durchgeführt werden kann.
Kartierung von oben bedeutet, öffentlich zugängliche Datenquellen wie Satellitenbilder, Open-Source-Karten (wie OpenStreetMap) oder öffentliche Biodiversitätsdatenbanken (wie GBIF) zu nutzen, um mehr über die Geografie, Landnutzung oder Lebenssysteme einer Region zu erfahren. Diese Daten können dann verwendet werden, um eine Vielzahl von Karten zu erstellen, die Wälder in einer Region, online erfasste Pilze oder Kleingärten in Karlsruhe zeigen. Es gibt unzählige Online-Plattformen, auf denen geografische Daten zu natürlichen Materialien verfügbar sind.
Viele dieser Tools und die dazugehörige Software sind kostenlos und erfordern oft nur die ordnungsgemäße Angabe der Datenquellen.
Ein praktisches Beispiel für das Mapping von oben ist die Karte Nr. 6 auf den Seiten 112–113, die Bäume in der Region um Karlsruhe zeigt. Im Hintergrund sind mehrere Linien zu sehen, die sich durch die Landschaft ziehen. Zwei davon – die Gebirgszüge zu beiden Seiten der Oberrheinischen Tiefebene und der Rhein selbst – wurden auf Satellitenbilder des Erdbeobachtungssatelliten Copernicus (betrieben von der Europäischen Weltraumorganisation und frei verfügbar) gezeichnet. Eine weitere Linie, die das Stadtgebiet von Karlsruhe umgibt, stammt aus dem Datensatz »Urban Morphological Zones (2006)«, der von der Europäischen Umweltagentur (EEA) kostenlos veröffentlicht wurde. Die wichtigste Ebene der Karte zeigt die Wälder selbst, die aus einem europäischen Datensatz namens »CORINE Land Cover 2018« stammen. Diese Ressource klassifiziert die Flächen in Europa in 44 Typen, darunter drei Arten von Wäldern: 311 (Laubwald), 312 (Nadelwald) und 313 (Mischwald).
Hinweis: Die Karte wurde in QGIS erstellt, einem kostenlosen Open-Source-Kartierungsprogramm, mit dem Nutzer:innen geografische Daten überlagern und visualisieren können. Es läuft unter Windows, macOS und Linux, und es gibt viele hilfreiche Online-Tutorials für Anfänger.
Screenshot der Open-Source-App QGIS, die mehrere Datensätze zeigt, die zur Erstellung der Karte der Bäume in der lokalen Region verwendet wurden.
2. Kartierung von unten
Dieser zweite Ansatz konzentriert sich auf die physische Erkundung eines Gebiets: es mit eigenen Augen sehen, mit den Bewohnenden sprechen, aus ihren Erfahrungen lernen und Karten erstellen, die einen Ort offener wiedergeben. Das Kartografieren von unten erfordert physischen Zugang zur Umgebung. Es ist sehr empfehlenswert, eine Person aus der Gegend zu kennen, die die lokale Sprache spricht, da dies das Mapping kultureller Schichten und Orte ermöglicht, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. Die Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften ermöglicht auch viele verschiedene Interpretationen, Ansichten und Erfahrungen desselben Ortes.
Ein zweites praktisches Beispiel, diesmal für das Mapping von unten, findet sich auf den Seiten 76-77 in Form von Postkarten und Fotos. Sie entstanden während einer einmaligen Kartierung in der Living Library im Rahmen der Karlsruher Museumsnacht. Als Gegenleistung für ein kostenloses Glas Wein aus der Region, das in einer provisorischen Weinbar namens »La Carte Locale« serviert wurde (die Gegend um Karlsruhe ist reich an Weinbergen), wurden die Besuchenden gebeten, einige Fragen zu beantworten: »Welche natürlichen Materialien oder Lebewesen sind Ihrer Meinung nach typisch für diese Region?« und »Sind Ihre persönlichen Erinnerungen oder Erfahrungen mit einer bestimmten Jahreszeit oder Tageszeit verbunden?«. Anschließend hefteten sie ihre Antworten, die sie auf Postkarten geschrieben hatten, an eine große Wandkarte in der physischen Living Library.
Das Ergebnis war eine riesige Sammlung sehr persönlicher Geschichten und Beobachtungen. Auf einer Karte wurde etwa über die Apfelplantagen geschrieben, in die eine Person als Kind von einem Elternteil mitgenommen worden war. Eine andere Besuchende zeichnete Bilder von Trauerweiden, ihren Lieblingsbäumen im nahe gelegenen Wald, und erzählte von Momenten, als Kaninchen begannen, in ihrem Schrebergarten zu leben. Jeder hatte etwas zu erzählen, und viele blieben, um die Notizen der anderen zu lesen und entdeckten dabei materielle Erinnerungen, an die sie zuvor nie gedacht hatten. Zusammen bildeten diese Geschichten eine lebendige Karte, die zeigte, wie Kartierung von unten die emotionalen und kulturellen Verbindungen zwischen einem Ökosystem und seinen Bewohnern offenbaren kann.
Momente aus »La Carte Locale«, einer einmaligen Pop-up-Weinbar, die während der jährlichen Karlsruher Museumsnacht veranstaltet wurde, um lokales Wissen zu sammeln.
© Bio Design Lab / Living Library
Postkarten, geschrieben von Teilnehmenden von »La Carte Locale« mit persönlichen Geschichten über lokale Biomaterialien.
© Bio Design Lab / Living Library
Postkarten, geschrieben von Teilnehmenden von »La Carte Locale« mit persönlichen Geschichten über lokale Biomaterialien.
© Bio Design Lab / Living Library